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Endometriose - Eine rätselhafte Erkrankung

Textausschnitt aus dem Buch: Endometriose Die verkannte Frauenkrankheit

Auflage 2008 von Jörg Keckstein (Hrsg.)

 

Die Endometriose ist eine rätselhafte und sehr komplexe Erkrankung, deren Entwicklung und Fortschreiten nur unvollständig geklärt sind und deren Ursache bis heute unbekannt ist. Geschätzt wird, dass etwa 7-15% der weiblichen Bevölkerung während der Phase der Geschlechtsreife eine Endometriose haben. Offensichtlich ist die Endometriose aber nur bei einem Teil der betroffenen Frauen aktiv, indem sie Beschwerden verursacht, fortschreitet und Organe und Organfunktionen zerstört. In den anderen Fällen ist sie nur ein bedeutungsloser Zufallsbefund, der vom körpereigenen Abwehsystem inaktiv wurde. Neuere Untersuchungen über die Beziehungen von Endometriose und ungewollter Kinderlosigkeit, spontanen Fehlgeburten, Störungen in der Hormonproduktion der Eierstöcke, entzündliche Reaktionen im kleinen Becken und Veränderungen in der Immunabwehr führten dazu, dass zumindest Detailbereiche dieser Erkrankung besser verstanden werden. Hauptsächlich hängt die Entwicklung der Endometriose von den vor Ort herrschenden Bedingungen im kleinen Becken ab. Durch Störung dieses so genannten „lokalen Milieus“ können Zellen veranlasst werden, unordentlich zu wachsen, sich unkontrolliert zu verändern und dadurch gesunde Strukturen zu schädigen. Entscheidend für das Fortschreiten der Erkrankung ist, dass sich zunächst kleinste Absiedelungen von endometrialem Gewebe kontinuierlich ausdehnen, wodurch zunehmend die Organe des kleinen Beckens und auch des Bauchraumes befallen werden. Auch ein ungleichmässiges fortschreitendes Ausbreiten über Lymphwege und Blutgefässe ist möglich, wenn Endometriosegewebe durch die Kanalsysteme (ähnlich wie Tochtergeschwüre bei Krebserkrankungen) an weiter entfernt liegende Organe verschleppt wird. Die von Frau zu Frau individuell unterschiedlichen Veränderungen der Endometrioseherde, die durch unterschiedliche Wachstumsgeschwindigkeit, aber auch spontane Rückbildungsvorgänge gekennzeichnet sind, werden zwar entscheidend von den Hormonen der Eierstöcke beeinflusst, diese sind aber nicht die Ursache für die Entstehung der Erkrankung.

 

Neben den Hormonen sind weitere Faktoren von Bedeutung:

  • lokale Ernährungsbedingungen, wie die Versorgung mit Blutgefässen
  • entzündliche Begleitreaktionen
  • Vernarbungen und Abkapselungen des Bindegewebes
  • Verschlechterung der Blutversorgung
  • immunologische Prozesse

 

Hauptsächlich wird der individuelle Verlauf der Erkrankung vom Wachstumstyp des Endometrioseherdes, sowie von den Hormonrezeptoren der Endometriosezellen beeinflusst. Diese charakterischen Merkmale bestimmen auch die individuellen Erfolgschancen der jeweiligen Behandlung. Vergleichende Untersuchungen haben gezeigt, dass zwischen der Schleimhaut in der Gebärmutter (Endometrium) und der versprengt ausserhalb der Gebärmutter entwickelten Schleimhaut (Endometiose) erhebliche Unterschiede in ihrer Struktur, im Reifegrad  der Zellen sowie dem Gehalt an Hormonrezeptoren bestehen. Daraus lässt sich ableiten, dass das Wachstum und auch die Rückbildung einer Endometriose nicht nur einfach den Hormonen abhängen, sondern hauptsächlich von den Eigenschaften der Zelle selbst bestimmt werden.